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Title: Frankie Goes To Hollywood das schwulitäten-spielchen
Author: Dirk Scheuring
Source: Spex
Publish date: Dezember ’84

Frankie Goes To Hollywood
Das schwulitäten-spielchen

Dionysisch! Orgiastisch! Das muß doch jedar sehen, wie obzön das ist! Frankie war aufgesogen worden in den Strudel dieses wahrhaft römisch-babylonisch decadent-manierierten Nachtclubs, treibt auf dieser vibrierenden. Atmenden Woge menschlicher Leiber, auf einer Masse Sexbessener — das ist doch offensichtlich! — Männer in Lederkluft und Mädchen in Gitterkäfigen und sex-shop-schwarzes Gummi und Nieten und Peitschen und Ketten und nacktes Fleisch, glitschig, klebrig, ausdünstend… und über allem, auf der Balustrade, thront Nero, der römische Mordbrenner; breitgesichtig, lüstern, entkommen aus Quo Vadis, und läßt sich von nubischen Sklaven Kühlung fächeln, während sich unter ihm all diese Leiber winden und fläzen und der düstere Raum pulsiert von dieser Musik: „Relax, don’t do it…”, diesem wuchtigen, antreibenden, elektronischen, elektrisierenden Beat, hypnotisch, dogmatisch… „when you want to suck it to it”… und Frankie schwimmt auf der Spitze dieser amorphen Fleischmasse und wälzt und räkelt sich lustvoll, während von der Balustrade aus irgendeine Flüssigkeit in dünnen Strahlen auf ihn niederprasselt… „relax don’t do it!”… und er ergreift die Krawatte irgendeines Burschen, der gerade unter ihm liegt, und fängt an, auf ihm herumzureiten… „when you want to come.”

„Nein!” entscheidet der Entscheidungsbefugte. Den Entscheidungsbefugten mag man sich als einen rotgesichtigen, untersetzten Mann in mittleren Jahren vorstellen; ein Programmdirektor der BBC, der kraft seines Amtes den Daumen senkte: Nein! Unmöglich! Das bringen wir nicht! Eine Band mit fünf Schwulen!… nun, es ließe sich ja noch ertragen, wenn es sich um ein gepflegtes coming out handeln würde — unsere Sendeanstalt ist durchaus liberal — aber das hier… ein Video-Clip mit einer Orgie! Ein Popsong mit einem Orgasmus! Diese Obzönitäten können wir den vordemgutenacht kußfernsehenden Teenagern, den mitschwungindenmorgenfunkhörenden Hausfrauen, den autoradiogeschäftsreisenden Vertretern nicht zumuten! Das gehört verboten! Das ist…

…prima!

Genau das ist es doch. Holly Johnson nimmt noch einen Schluck Kaffee, lehnt sich dann bequem auf seinem Stuhl zurück und lächchelt, ein Bild verschmitzter Unschuld. Dann sagt er, ganz leise und sehr treuherzig: „Dabei sind wir doch überhaupt nicht obszön. Wir möchten die Leute unterhalten; nicht sie anwidern. Und dieses Video — das war überhaupt keine Orgie… wir haben doch bloß ein bißchen herumgespielt.” Es klingt ganz großartig, wie er das sagt; so leise und in einem etwas kehligen, sanft gurrenden Tonfall, wobei er bei wichtigen Worten die Tonhöhe ein bißchen nach oben schlenkern läßt und so seine Sätze graziös-geziert moduliert. Holly, Sänger von Frankie Goes To Hollywood, erträgt das Sendeverbot der BBC für „Relax”, der ersten Single der Liverpooler Band, mit lächelnder Sanftmut: Seit vorgestern ist das Stück die Nummer Eins der britischen Charts, obwohl es in Radio und Fernsehen nicht mehr gespielt wird. Jetzt sitzt er kaffetrinkend auf der Galerie über der Halle des solide-luxuriösen Bremer „Parkhotels”, umgeben von biedermännisch-hanseatischer Gemütlichkeit, ruhige Lage, ungestort… Nummer Eins. Heute Abend werden Frankie Goes To Hollywood im deutschen Fernsehen, im „Musikladen” auftreten, und es läßt sich jetzt schon absehen, daß „Relax” auch in Deutschland ein Hit wird. Mit der ersten Single an die Spitze der Charts, und dazu ein Skandal, ein Verbot, Futter für die Medien, ein Fressen für die Öffentlichkeit — was kann sich eine Band für einen besseren Start wünschen? Und dann… sich zurücklehnen, lächeln und sagen: „Wir haben doch bloß ein bißchen herumgespielt.” Man hat uns völlig mißverstanden, uns ungerecht behandelt. „Frankie Goes To Hollywood treten ein für das Vergnügen im Allgemeinen; natürlich ist auch Sex ein Teil des Vergnügens.” Aber der BBC-Onkel hat einen Teil für’s Ganze genommen; will sagen: Wir sind überhaupt nicht so verdorben, wie der denkt. Der Entscheidungsbefugte… hat selbst eine ganz schmutzige Phantasie!

Hervorragend, Holly; das war eine perfekte 180-Grad-Drehung.

Ungerechtigkeit!

Damit hast du sie alle auf deiner Seite. Holly Johnson hatte ziemlich lange auf diesen Erfolg im Pop-Geschäft warten müssen. Schon vor Jahren war er Sänger in einer Liverpooler Punk-Band gewesen; das Singen machte ihm Spaß, die ganze Punk-Geschichte machte ihm auch Spaß — aber das alles führte letztlich zu gar nichts. Als dann der Reiz des Neuen verflogen war und die Band sich auflöste, nahm er ein paar Solo-Singles für ein Independent-Label auf, nur um zu sehen, wie sie spurlos versanken. Er war kaum weiter als am Anfang, als er vor fünfzehn Monaten zusammen mit dem Bassisten Mark O’Toole und dem Schlagzeuger Peter Gill anfing, in einer ehemaligen Gefängniszelle in Liverpool Musik zu machen.

In einer Gefängniszelle. Holly liebte es, diese schillernde Kleinigkeit besonders zu erwähnen; die Tatsache, daß diese Band nicht irgendeinem normalen, popeligen Übungskeller entsprang, sondern… in einer Zelle probte, in der man früher leidende, brutal geknechtete Sklaven gefangengehalten hat, die von hier aus nach Amerika verschifft wurden — in dieser Zelle sitzen, aber doch… die Hoffnung nicht aufgeben, nach den Sternen greifen, Popstar werden. Und das Ganze hinterher der staunenden Öffentlichkeit erzählen. So aufsteigen. Paul Rutherford, ein alter Freund von Holly, und der Gitarrist Brian Nash stießen zu den anderen; und dann klebten sie ein Bild aus einer alten Zeitschrift an die Wand ihrer Zelle: Es zeigte Frank Sinatra, wie er gerade einem Flugzeug entsteigt und dabei von einer Horde aufgebrachter, in Tränen aufgelöster, ihn stürmisch liebender Mädchen fast erdrückt wird. Der war auch aufgestiegen: Kam aus Hoboken, New York, sang für 50 Dollar am Abend auf Privatparties, wurde entdeckt, und dann dieses Foto von ihm und seinen Fans, unter dem stand: „Frankie Goes To Hollywood”. Genau das ist der erstrebenswerte Weg. „Es klang für uns wie ein Filmtitel”, sagt Holly. “Frankie Goes To Hollywood — wir beschlossen, daß dies der Film unseres Lebens zu sein hätte. Unsere Musik ist der Soundtrack zu diesem Film, und dies”, er grinst mich an und schnurrt, „sind deine…

…Probeaufnahmen!”

Holly lacht. Er hält das für einen ganz besonders gelungenen Scherz. Holly liebt Hollywood. Das klassische Hollywood, natürlich; den Glamour, die Musicals, den visuellen Reichtum, die ganzen Klischees yon Liebe, Erfolg und harter Arbeit und Es-Schaffen. Vor allem liebt er Busby Berkeley. Berkeley war ein Regisseur, der in den 30er Jahren mit seinen sogenannten „Hinterhof-Musicals” großen Erfolg hatte. Das Publikum sah eigentlich immer dieselbe Geschichte: Ein begabter, aber kleingeratener und belächelter Junge (immer gespielt von Mickey Rooney) komponiert ein Musical, stellt mit seinen Freunden in irgendeinem Hinterhof eine Show auf die Beine und sackt nach diversen Verwicklungen und Schwierigkeiten mit den bösen Erwachsenen Geld, Ruhm sowie die hübsche Hauptdarstellerin (das war immer Judy Garland) ein. Berkeley machte gleich eine ganze Reihe dieser Filme; und er war in der Lage, mit verhältnismäßig geringem Budget und ultrakurzen Drehzeiten noch wunderbare Bilder zu inszenieren, eine tolle Show auf die Beine zu stellen. Nach einer Weile hatten dann aile drei, Berkeley, Rooney und Garland, die Hinterhöfe sowohl filmisch als auch sonst, hinter sich gelassen.

„Klischees sind kondensierte Wahrheiten”, schloß Holly, und außerdem: „Man muß sein Publikum unterhalten — und zwar im wahren Sinne des Wortes.” Musik machen allein genügt nicht; man muß den Leuten mehr bieten, eine Show, irgendwas Aufregendes, worüber sich die Öffentlichkeit die Mäuler zerreißen kann und das man nicht so schnell vergißt.

Mehr Tricks

Frankie Goes To Hollywood begannen, sich für ihre Live-Auftritte etwas auszudenken. Sie suchten sich die „verruchte Masche” aus und brachten Go-Go-Girls mit auf die Bühne, die „Leatherpettes”, ausgestattet mit Strapsgürteln und Handschellen und ledernen Büstenhaltern. Es gab auch ein Mädchen, das genüßlich mit einer großen Schlange spielte. Transvestiten traten auf. Die Band selbst wählte für jeden Auftritt eine andere Böse-Buben-Film-Sadisten-Rolle wie die der „Baddies”, der gewalttätigen Gang aus „Mad Max II”. Reichlich abgeschmacktes, altbekanntes Zeug also im Grunde; aber es funktionierte. Die Leute mochten das.

Die Band machte einen kleinen Film von der Urversion ihres „Relax” Titels, den sie in „The Stake”, einem alt-modernen, im Art-Deco-und Laser-Stil gehaltenen Ballsaal in Liverpool drehten. „The Tube”, jene ambitionierte Popmusik-Sendung des privaten britischen „Channel 4” — Fernsehkanals, brachte den Film, und… das Klischee wurde zur Wahrheit.

Angeblich saß da nämlich gerade ein Bursche namens Trevor Horn am Fernseher, urn sich die Sendung anzusehen. Jener Trevor Horn nämlich, der die Musik von den Buggles, Yes, ABC und Malcolm McLaren so unglaublich erfolgreich produziert hat und der mittlerweile, zusammen mit dem Pop-Vordenker und Ex-New Musical Express — Redakteur Paul Morley Eigner des Zang Tuum Tumb — Plattenlabels ist. Und, so will es die Legende, Horn griff zum Telefon, rief Frankie Goes To Hollywood an und sagte: „Jungs, wir können zusammen einen Hit machen!” Es wurde alles genau geplant. Trevor Horn produzierte die „Relax” — Single, die gleichzeitig der Band und dem neuen Label zum Durchbruch verhelfen sollte. Die Platte, angekündigt durch eine Anzeigenkampagne, kam kurz nach Weihnachten 1983 heraus; zu einer Jahreszeit also, in der durch den Mangel an Plattenveröffentlichungen schon relativ mäßige Verkaufszahlen für einen Platz weit oben in den Charts reichen. Frankie Goes To Honywood bekamen die Titelgeschichte im New Musical Express. Alles lief bestens. Bis auf eine Kleinigkeit: Es regte niemanden sonderlich auf.

Mehr Skandal, bitteschön!

Der umtriebige Morley und die Band taten alles, urn der Öffentlichkeit das Image „aggressiv-sexbesessenlüsterne Schwule” zentimeterdick auf’s Butterbrot zu schmieren (wobei aus dem Umkreis des Zang Tuum Tumb — Labels zu hören ist, daß lediglich die beiden Sänger Holly und Paul „richtig schwul” seien; die drei anderen seien „ganz normale Asis”). Bei jedem Interview, bei jeder Fotosession machen sie einen tollen Zinnober, wälzen sich vor der Kamera gemeinsam am Boden, kichern verzückt, und Paul rollt die Augen, und Brian stöhnt und packt den Schenkel des dicken Peter, der zu knappe Hemden trägt und dessen weißes speckfaltiges Bauchfleisch sich zwischen den Knöpfen ans Licht drängt… aber keiner regt sich groß auf darüber. „Relax” wird im Radio gespielt, die Band tritt in der BBC-Fernsehsendung „Top Of The Pops” auf, die Single klettert auf Platz sechs der Hitparade. Ja, sieht denn keiner, wie obszön wir sind? (Nur nicht nachlassen!) Bangt denn keiner urn die sittliche Reinheit der Nation? (Das muß doch zu schaffen sein!)

Endlich verliert irgendein Bursche bei der BBC dann die Nerven: Kein Radio und kein Fernsehen mehr für „Relax”! Das ist das erwartete Signal. Paul Morley sorgt dafür, daß im New Musical Express und auch in Tageszeitungen wie dem Daily Express ganzseitig Anzeigen erscheinen: Über die eigentliche Werbung für „Relax” ist ein fetter schwarzer Balken gelegt: „They’ve banned us!” „Sie” (die Bösen) geben „uns” keine Chance! Das zieht: Leute, die ses Stück kriegt ihr nicht im Radio zu hören! Diese Platte müßt ihr kaufen.

Jetzt, zwei Wochen später, ist „Relax” auf Platz Eins der Hitparade. Noch ein paar Wochen und es werden über eine halbe Million Singles verkauft worden sein — und ein Ende ist noch nicht abzusehen. Und dann: „Wir haben doch bloß ein bißchen herumgespielt…” Man hat uns völlig mißverstanden; aber ich bin sicher, liebe Tante BBC, daß dir so ein dummer Fehler bei unserer nächsten Single nicht wieder unterlaufen wird — jetzt, wo du weißt, wie sehr das Publikum uns mag.

Genau mit diesem Bewußtsein sitzt er jetzt da, lächend und kaffeetrinkend — Holly, der wußte, wo’s langgeht, Erfüller seines eigenen Hollywood-Klischees. Er hat sein Spiel gemacht und gewonnen und er ist aus seiner Gefängniszelle gekrochen und sitzt auf der Galerie eines Parkhotels in Bremen, umgeben von Stuck und Holztäfelungen und Kronleuchtern und Serviererinnen mit Spitzenschürzchen, Hanseaten-Prunk und Hanseaten-Talmi — bereit, sein Spiel auch in Deutschland fortzusetzen. Und dann schnurrt er, leise und bescheiden: „Eigentlich sitze ich immer noch in einer Gefängniszelle. Nur diese hier… hat vergoldete Gitterstäbe.”

Es ist elektrisierend. Dieser Mann weiß einfach immer, was er jetzt am besten sagen sollte. Vergoldete Gitterstäbe! Hat man schon mal von einem Musiker gehört, der sich schon nach seinem allerersten Erfolg in einem goldenen Käfig eingesperrt fühlt? Der sich so etwas mit dieser unnachahmlichen sanft-schnurrenden Überzeugung zu sagen traut? Das Klischee als kondensierte Wahrheit — es ist unglaublich! Herrliches Schwulitäten-Spielchen!